Leserbrief von Peter Jentsch

Die Schildbürger und ihr Schwimmbad

Einst galten die Schildbürger als umsichtige Leute. Deshalb wurden viele von ihnen von Fürsten und Städten des Umlandes abgeworben. Die Zurückgebliebenen berieten, was zu tun sei, um diesen Abwerbungen Einhalt zu gebieten. So bauten sie – zur Abschreckung – ein neues Rathaus ganz ohne Fenster. Gefragt, wie das Licht hineinkommen solle, versicherten sie, dass es – bei so vielen hellen Köpfen – genüge, das Sonnenlicht bei Tage in großen Säcken hereinzutragen. Der Versuch hatte Erfolg: Weitere Abwerbungen blieben aus.

Nun hatte man Ruhe und man ging mit der Zeit. Pferdefuhrwerke wurden von Automobilen abgelöst, das Reiten vom Radfahren, die kleinen Werkstätten von großen Manufakturen. Bürgerfleiß und Händlergeschick sorgten für gute Geschäfte. Man baute große Verkaufspaläste mit richtigen Fenstern, um die herbeiströmenden Käufer nicht mehr abzuschrecken. Sogar zwei Bäder konnte sich die Stadt leisten. Vor allem wurde auch fleißig gespart, zum Beispiel entfielen kostenlose Sperrmüllabfuhren, mancher Gehsteig zerfiel rissig vor sich hin, die allfällige Sanierung der Bäder wurde viele Jahre lang aufgeschoben. Nun waren aber gerade die Bäder rüstigen älteren Schildaern ans Herz gewachsen. Auf kurzen Wegen frischten sie ihre Fitness beim täglichen Schwimmen auf, unter dem trauten Flüstern der hohen, alten Bäume, ohne sich weiter an der stillgelegten, maroden Fabrik zu stören.

Da plötzlich fuhr frischer Wind durch den Flecken. Vermutlich war der Stadtsäckel inzwischen prall voll und da man für Gespartes kaum noch Zinsen bekam, beriet man über einen Bäderneubau, der einer Stadt wie Schilda wohl anstünde. Man bezahlte, fürstlich, wie gemunkelt wurde, eine Beraterfirma, die einen Zaubertrick nutzte: Sie verstand es, zirka 3500 Stimmen so in ein Meinungs-Trichtersieb zu gießen, dass durch zufälliges Schütteln 20 eher zustimmende Äußerungen unten herauskamen. Außerdem bat man die Bürger, Alt und Jung, ihre Wünsche für ein neues Bad in Schild aufzuschreiben, koste es, was es wolle. Kritische Gegenmeinungen wurden lautstark von selbsternannten Sachkennern niedergebügelt. Wer nun meint, die Schildbürger hätten ihre Mannen ausgeschickt, um die Bäder des Umlandes zu erkunden, nach Erneuerungsmöglichkeiten und Baukosten, Unterhaltsaufwand oder Eintrittspreise zu fragen, der sah sich getäuscht. Konkrete Zahlen konnten so kaum auf den Tisch gelegt werden. Man wollte sich lieber – ohne „unseriöse“ Vorplanungen – für den „Fortschritt“ entscheiden: im Zukunfts-Schwimmbad Sonnensegel statt Bäume, später vielleicht noch ein Hotel und eine Festhalle, ein würdiges Denkmal für Schildas Größe.

Damit nicht genug. Drunten, beim Flüsslein und den sanft säuselnden alten Bäumen, da sollte sich röhrend die chromblitzend blecherne „Motorwelt“ ausbreiten und den Stadtsäckel mit Grundstücksgewinnen auffüttern. Freilich wird man mit zunehmendem Verkehr und seinen Duftmarken rechnen müssen. (Böse Zungen behaupten gar, wissbegierige Schildbürger seien als Kundschafter in fremde Motorwelten eingetaucht. Aber das ist wohl ein Gerücht.)

Nun dürfen alle Bürger der Stadt entscheiden: Wer Kombibad und weiter Motorwelt wünscht, der sage „Nein“. Wer „Ja“ sagt, bekennt sich zur Modernisierung und Erweiterung der vorhandenen Bäder in ihrer stadtnahen, historisch gewachsenen Umgebung. Ja! Eines aber wünscht sich ein alter Mitbürger, nicht nur für Schilda: Mögen sich, den Lästerzungen zum Trotz, die Wogen des Meinungsstreites glätten, damit man einander in Zukunft wieder gelassen in die Augen schauen kann, wie es im alten Schilda üblich war, sei es im Kombibad oder in den runderneuerten Bädern. Ja!⇥Peter Jentsch, Metzingen